Die Geschichte - Club Rocaille

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Stand 24.12.2023

Die Geschichte

Rückblick > Jahr 2022 > Palais Hohaus
Bild Alexander Jungmann
weitere Bilder auf den folgenden Seiten von
Gabriel De Saint Firmin
Michael Lang
Besten Dank dafür
Der wissenswerte geschichtliche Hintergrund, zusammengefasst und verfasst von Matthias Otto-Wilhelm Richter @Cour de Cassel

Wir befinden uns im Herbst des Jahres 1775. Es ist die Zeit in der der Landgraf von Hessen-Kassel die Weltgeschichte beienflusst.

In den Kolonieen gärt es und das Königreich England möchte beim Landgrafen von Hessen-Kassel im großen Stile Truppen anmieten um den Unruhen Herr zu werden. Nach dem verheerenden siebenjährigen Krieg  wird das Geld dringend benötigt, um die ambitionierten Pläne des Landgrafen zu finanzieren. Diplomaten aus England und Frankreich gehen ein und aus. Am Hofe befindet sich auch der Hofadel in Unruhe, da gemunkelt wird, dass die Residenz umgebaut werden soll und so die Wohnungen neu vergeben werden. Bürger und Händler versuchen bei Hofe Gunst zu erlangen Offiziere bemühen sich ebenfalls um ihre Pfründe.

Bei Hofe wird das Fräulein von Vincke bei Hofe eingeführt, die der Landgraf natürlich sofort „bemerkte“.  Die junge Dame stieg kometenhaft in der Gunst des Landgrafen auf, die  einführende Familie wurde mit Gunstbezeugungen überhäuft, so wurde ihrem  Onkel, einem Major, ein aktives Kommando übertragen und eine Berufung  in den Kriegsrat nach dem Amerikafeldzug zugesagt. Das Verhältnis sorgte  tatsächlich für enormes Gerede bei Hofe und der Landgraf schockierte  den gesamten Hof, als er das Fräulein von Vincke kommentarlos an seiner  Seite bei der Audienz und danach beim Konzert präsentierte.

Madame  de Luchet sorgte ebenfalls für Aufsehen, da sie, auf Empfehlung von  Voltaire (in der tatsächlichen Geschichte des Hofes war Luchet  allerdings männlich) an den Hof kam und den Landgrafen für die neue  französische Oper mit Grétry, Gluck und Philidor begeisterte. Mrs  Brighten, eine vom Landgrafen angeforderte englische Opernsängerin  interpretierte die neue Musik.
Der Landgraf war tatsächlich  Musik und Theaterbesessen. Er investierte Unsummen in seine Ensembles  und wählte auch selbst die Sänger aus, die er bei seinen Reisen durch  Frankreich oder Italien auch selbst engagierte.

Dass  das Leben bei Hofe nicht nur Luxus und Müßiggang war, sondern im  Gegenteil anstrengend und mit den berüchtigten Zeremonien für  erheblichen Stress unter den Höflingen sorgte, wurde ebenfalls gezeigt.  Audienzen nach französischem und spanischem Hofprotokoll demonstrierten  eindrucksvoll das Ranggefüge bei Hofe und wie durch die Etikette Macht  erlebbar gemacht wurde. Ein Staatsakt, wie die Verleihung des Ordens vom  goldenen Löwen, mussten die Hofleute über sich ergehen lassen.

Der Kerngedanke, den ich für unsere Hofhaltung hatte, war keine Bespaßungveranstaltung, bzw. eine Mottoparty zu veranstalten, sondern allen Teilnehmern, wie auch dem Publikum zumindest eine Ahnung davon zu geben, was es geheißen hat, Teil eines Hofes zu sein. Durch diese Zeremonien werden soziale Mechanismen aktiviert, Rangfolge spielt auf einmal eine große Rolle, auch Gunstvergabe und die Angst diese Gunst wieder zu verlieren.

Die militärische Parade, die mit dem großartigen Lauterbacher Bläserensemble zu einem glanzvollen Schauspiel wurde, mag im ersten Moment einfach nur beeindruckend und erhebend gewesen sein. Aber es war für mich und ich denke für jeden, der weiß, was dort eigentlich passierte, der erschütterndste und vielleicht gruseligste Programmpunkt der ganzen Veranstaltung.
Hier führt der Landgraf dem englischen Unterhändler seine Soldaten vor, die zur Verschiffung nach Amerika vorgesehen sind. Es ist aus der heutigen und auch aus der damaligen Sicht der Aufklärer ein offener Menschenhandel. Menschen werden als Material, als Ware betrachtet. Es spielt dabei keine Rolle, ob die Soldaten, wie oft fälschlicherweise behauptet wird, verkauft werden oder eben vermietet, wie es tatsächlich geschah. Menschen, Soldaten als Eigentum zu betrachten, das beliebig verwendet werden kann, ist nur mit dem Wort fürchterlich zu beschreiben. Mir war es wichtig, dass dieser Aspekt unbedingt Teil der Veranstaltung gewesen ist.

Alle Programmpunkte waren, fern von Klischees oder möglichen Erwartungshaltungen, eng an der tatsächlichen Geschichte des hessischen Hofes angelehnt. Selbst die Abendsoirée des Landgrafen mit Spiel und Konzert orientierte sich an den damaligen Begebenheiten im Landgrafenschloss zu Kassel. Die von uns rekonstruierte Etikette (natürlich nach Primärquellen) wurde abends gelockert, wie damals auch.


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